Mücheln/ Geiseltal, Schützenstraße 2 war die letzte zivile Adresse von Wolfgang Rosterg, bevor er am 25. September 1939 zur Wehrmacht einberufen wurde. Wolfgang Rosterg war der jüngste Sohn des Kalimagnaten August Rosterg. Er wurde am 17. Dezember 1909 in Wiesbaden geboren. Seine Mutter Dora Rosterg (geb. Strauch) verstarb bereits 1913 und so wurde er mit seinen Geschwistern Heinz Rosterg und Thea Rosterg bereits im frühen Kindesalter zum Halbwaisen. Nach eigenen Angaben absolvierte er nach dem Abitur eine dreijährige kaufmännische Lehre. Danach war er als Kaufmann beim Kalisyndikat tätig, davon ein halbes Jahr beim französischen Kalisyndikat und ein weiteres halbes Jahr bei der Texas Fuel Company in Amerika. Rosterg tritt am 1. Dezember 1931 in die NSDAP (Mitgl. Nr.: 814765) ein. Später auch in die SS (SS-Nr.100264), wobei er ab 1. April 1934 für sechs Monate in der Leibstandarte "Adolf Hitler", 2. Kompanie Dienst vollzieht. Im Mai 1936 tritt er aus der SS aus, auf Grund seines bevorstehenden Auslandsaufenhaltes in Amerika. In Mücheln stellt er am 7. Februar 1939 ein erneutes Aufnahmegesuch an die SS (5/67 Mücheln/ G.) in Verbindung mit einem nachträglichen Verlobungs- und Heiratsgesuch mit Erika Quante, mit der er seit 24. Dezember 1938 verheiratet war. Ende 1938/ Anfang 1939 beginnt er eine kaufmännische Tätigkeit im Treibstoffwerk Lützkendorf. Hierzu mietet das Werk eine Wohnung in Mücheln in der Schützenstraße 2 (heutige Rudolf-Breitscheid-Straße 2) an.
Wolfgang Rosterg ist von November 1939 bis Mai 1941 im Rheingebiet, bei der Nachrichten-Abteilung 195, eingesetzt. Ab 22. Juni 1941 beginnt sein Einsatz an der Ostfront. Hier nimmt er laut Kriegsstammrolle an Abwehrkämpfen in Smolensk, Dnjepr, Wjasma und Moskau teil, wofür er die Ostmedaille erhält. Am 20. April 1942 beginnt sein Rücktransport zum Küstenschutz an der französischen Atlantikküste. Bei Ardres wird er als Sprachmittler im Stabsdienst der 156. Reserve Division eingesetzt. Dort kommt es bei einer Feldübung am 23. November 1943 zu einem tödlichen Zwischenfall, da ein Soldat, statt Manövermunition - scharfe Munition in seiner Waffe hatte. Rosterg, der den Angriffs- Trupp kurzzeitig unterstellt bekam, wird mit vier weiteren Soldaten am 15. Dezember 1943 in Ardres, wegen "fahrl. Tötung und Verabsäumung der Dienstaufsicht (sic!)" angeklagt. Die Verhandlung vor dem Kriegsgericht endet für Rosterg mit einem Freispruch aus rechtlichen Gründen.
Akte Nr. 452/1943 Öffentliche Sitzung des Kriegsgerichtes, Ardres, den 15. Dezember 1943
"...Ich behaupte, dass mich keine Schuld trifft. Sollte man mir trotzdem eine Schuld zuschieben, so erkläre ich, dass es sich um eine Überspitzung meiner Aufsichtspflicht handelt..."
Feldurteil ST. L. Nr. 452/43 Gericht der 156. Res.-Div., Ardres, den 16. Dezember 1943
"...Die Angeklagten wurden gemäß § 78 KStVO. darüber gehört, ob und welche Einwendungen sie gegen das Feldurteil vorzubringen haben.
Sie erklärten:
Paul: Ich habe gegen das Urteil keine Einwendungen zu erheben, bitte jedoch um Frontbewährung.
Die Angeklagten Osterholt, Gossens und Hort erklärten: Wir haben gegen das Urteil keine Einwendungen zu erheben.
Rosterg: Ich nehme das Urteil an. Ich bin der Ansicht, dass ich die erforderliche Sorgfalt an den Tag gelegt habe..."
Im Februar 1944 wird die 156. Reserve Division Teil der 47. Infanterie Division. Diese wird ab August 1944 der 5. Panzerarmee zugeführt und gegen die in der Normandie gelandeten Alliierten eingesetzt. Sie wurde jedoch an Paris vorbei nach Mons abgedrängt, wo sie eingeschlossen und vernichtet wurde. Laut eines Artikels der Illustrierten Stern über den zum Tode verurteilten und später zu lebenslänglicher Zuchthausstrafe verurteilten Soldaten Rolf Herzig, desertierte Wolgang Rosterg nach eigenen Angaben. Der Dundee Courier berichtete am 31. August 1945 über den späteren Prozess und über ein von Rosterg stammendes Dokument, welches nicht mehr im Original vorlag, jedoch von einem Angeklagten gegenüber dem Gericht bestätigt wurde.
"...Erst nachdem ich die Lage mit einem deutschen Soldaten besprochen hatte, wurde mir klar, dass ein Hitler-Sieg nicht einmal wünschenswert gewesen wäre. Ich verabschiedete mich von meiner Aufgabe am 3. September, habe alles aufgegeben und mich im Wald versteckt..."
Rosterg kommt in ein britisches Kriegsgefangenenlager. Laut Wikipedia nach Le Marchant Barracks in Devizes, wo ein Massenausbruch geplant wurde. Laut Rolf Herzig (Stern Artikel, Heft 42, 18. Oktober 1953) waren im Lager auch Piloten, sowie ein Stabsarzt der Luftwaffe der den in zehn Kilometer Entfernung gelegene Flugplatz stürmen und mit den Transportflugzeugen nach Deutschland zurück fliegen wollte. Dies flog jedoch durch den Soldat Hermann Storch auf, der um seine eigene Haut zu retten das Unternehmen preis gab. Am 14. Dezember 1944 fuhren Panzer auf und nach Verhören in London wurden 27 Mann nach Cultybraggan Camp in der Nähe von Comrie verlegt. Bei dem Bahntransport nach Comrie, sah Herzig nach eigenen Angaben Wolfgang Rosterg zum ersten Mal. Laut seiner Aussage kam Rosterg aus einem anderen Lager und hatte mit dem Ausbruchsversuch nicht das Geringste zu tun. Man traf am 2. Dezember 1944 in Comrie ein. Bereits beim Transport erzählte Rosterg das er Abteilungsleiter einer Ölgesellschaft war, er jahrelang in Amerika lebte und er führte seine Sprachkenntnisse vor, indem er Sätze sehr schnell in verschiedene Sprachen übersetzte. Aus diesem Grund habe er bei den militärischen Stäben als Dolmetscher gearbeitet oder in den besetzten Gebieten als Ortskommandant. Er hätte viel gesehen und deshalb könnte ihn nichts mehr imponieren.
In der Nacht vom 22. auf den 23. Dezember 1944 kommt es in der Dunkelheit der Nissenhütte 4 zu einer verhängnisvollen Verwechslung, die zuerst nicht gegen Wolfgang Rosterg gerichtet war.
Rosterg übersetzte aus den englischen Tageszeitungen die aktuellen Berichte zu der deutschen Ardennenoffensive. Er fügte auch eigene Kommentare an und machte keinen Hehl aus seiner Überzeugung hinsichtlich diesem militärischen Vorgehen. Laut Herzigs Aussage, wurde gerade in dem Moment, als Rosterg einen Artikel zu der Offensive übersetzte und vorlas, ein Bündel mit der deutschsprachigen Kriegsgefangenenzeitung "Lagerpost" in die Hütte hineingeworfen. Es war verpönt diese anzurühren und man nannte diese Zeitschrift abschätzig "Lagerpest". Ein Soldat, der im gleichen Doppelstockbett über Rosterg schlief, wollte es Rosterg gleich tun und griff sich ein Exemplar der "Lagerpost" und meinte man wolle doch mal sehen was die "Lagerpost" dazu schreibt. Es gab von den schon seit längerer Zeit inhaftierten Soldaten kein Kommentar, jedoch verabredete man sich diesen Affront in der kommenden Nacht zu klären. So ging man leise zum Doppelstockbett von Wolfgang Rosterg. Da dieser nicht schlief und das Handeln bemerkte, sprang er plötzlich aus seinem Bett, da er sich bedroht fühlte. In der Dunkelheit verwechselte man Rosterg mit dem anderen Soldaten dem diese Bestrafung gelten sollte. Im Handgemenge bemerkte einer der Angreifer Rostergs Brustbeutel und brachte diesen an sich. Wolfgang Rosterg soll daraufhin geschrien haben:
"Das ist mein Tagebuch, ihr Nazischweine...gebt mir mein Tagebuch zurück..."
Der Ausdruck "Nazischweine" lies die Sache eskalieren. Man untersuchte jetzt das Tagebuch genauer das scheinbar in englisch Schrift verfasst wurde. Auf einer der ersten Seiten las man "British Military Intelligence". Nun holte man den Unteroffizier Bienneck, der etwas englisch konnte aus dem Bett. Dieser übersetzte das Geschriebene in dem Dokument, indem Rosterg sein Handeln darlegte, bruchstückhaft. So war von seinem unerlaubten Entfernen von der Truppe zu lesen, und von den Dokumenten und Aufzeichnungen die er mitnahm.
In den weiteren Ausführungen Herzigs ist zu lesen, dass er früh nach dem Wecken mit anderen Soldaten in die Nissenhütte 4 ging, da man dort ein Spitzel erwischt hätte. So soll die Hütte völlig überfüllt gewesen sein. In der Mitte stand Rosterg mit gefesselten Händen auf dem Rücken, einem Strick um den Hals und verquollenen Gesicht. Er wurde einer Befragung unterzogen, worauf er immer wieder trotzig und wütend mit "Ja" antwortete. Er wäre mit einem französischen Pass zu den Engländern übergelaufen, er hätte Lageskizzen von Truppenaufstellungen/ Minenfeldern/ Munitionsdepots mitgenommen und er hätte den militärischen Abwehrdienst der Engländer kontaktiert. Der wütende Mob in der Nissenhütte 4 steigerte sich nach jeder Antwort Rostergs immer weiter ins Extreme, bis man am Ende seinen Tod durch "Aufhängen" forderte.
Herzig erzählt, das der Lagerführer Oberbootsmannmaat Pirau kam und Rosterg dann mitnahm. Er (Herzig) ging anschließend zum Frühstück, was ihm wichtiger erschien. Gegen 8:00 Uhr war Zählappell, worauf Rosterg fehlte. Dieser war mit dem Strick um seinen Hals im Latrinenbereich erhängt vorgefunden worden. Spätere Ermittlungen ergaben, das Rosterg bereits vorher starb und das Aufhängen einen eigenen Suizid vortäuschen sollte. Drei Tage nach Weihnachten kam eine Ermittlungskommission die den Mord aufklären sollte und mehrere Soldaten verhörte. Danach passierte mehrere Monate nichts. Am 1. April 1945 werden mehrere Beschuldigte nach London in Kensington Palace Gardens überführt und verhört, unter anderem Rolf Herzig. Am 2. Juli 1945 beginnt der Prozess, der am 12. Juli 1945 mit den Todesurteilen gegen Erich Pallme-Koenig, Joachim Goltz; Heinz Brüling, Kurt Zühlsdorff, Josef Mertens und Rolf Herzig endet. In den Morgenstunden des 5. Oktober 1945 holten sie die verurteilten ab. Rolf Herzig wurde in das Dienstzimmer des Kommandanten geführt und es wurde ihm nach eigenen Ausführungen eröffnet das ein Gnadengesuch seiner Majestät stattgegeben wurde und seine Strafe in lebenslängliche Zuchthausstrafe umgewandelt wurde. Danach brachte ihn ein Jeep nach Waarmwaads-Scrubs. Alle anderen wurden am 6. Oktober 1945 im Pentonville-Gefängnis von Albert Pierrepoint hingerichtet. Es war die letzte Massenhinrichtung in England.
